Geschichte der Klingerschule:
1879:
Die Stadt Frankfurt am Main errichtet das Schulgebäude am Hermesweg/Mauerweg.
1880 - 1901 Musterschule:
Dieser 1803 gegründeten ersten "neusprachlichen und realistischen höheren
Schule" für alle höheren praktischen Berufsarten reichen die Räumlichkeiten an
der Großen Friedberger Gasse nicht mehr. So bezieht sie 1880 diesen Neubau. Zwei
Jahre später wird die Musterschule ein Realgymnasium, das 1892 zum
Reformrealgymnasium umgewandelt wird. 1901 verlegt sie ihr Domizil in das für
sie wiederum neu errichtete Gebäude am Oberweg (Eckenheimer Landstraße).
1901 - 1932 Klinger-Oberrealschule:
Diese Schule geht hervor aus der Höheren Bürgerschule (für Kinder des
"intelligenten Gewerbe- und Kaufmannsstandes und der Beamten") der Freien Stadt
Frankfurt am Main, die am 11. Mai 1857 in der Seilerstraße eröffnet wird.
In den Jahren 1857 bis 1877 erfolgen wesentliche organisatorische Veränderungen.
Ostern 1876 hört die Höhere Bürgerschule als solche auf zu bestehen. Zum
teilweisen Ersatz für sie wird am 21. April 1876 eine Realschule gegründet, die
nach dem Frankfurter Dichter der Sturm- und Drangperiode, Max Klinger, den Namen
Klingerschule erhält und im ehemaligen Waisenhaus (Seilerstraße) ihre Unterkunft
findet.
Von der zunächst als Bethmannschule fortgeführten Höheren Bürgerschule tritt
1877 fast die gesamte Knabenabteilung (Lehrer und Schüler) zur Klingerschule
über. Nach zwei Jahren wird diese als Realschule zweiter Ordnung anerkannt und
1884 zur Oberrealschule erhoben.
Ein kaiserlicher Erlass aus dem Jahre 1900 ist für die Schule von Bedeutung
geworden. Er anerkennt die Gleichwertigkeit der geistigen Bildung, wie sie das
Gymnasium einerseits, das Realgymnasium und die Oberrealschule andererseits
übermitteln. Zur besseren Kennzeichnung ihrer Stellung erhält sie den Namen
Klinger-Oberrealschule. Von der Seilerstraße wechselt sie in das von der
Musterschule inzwischen geräumte Gebäude am Hermesweg/Mauerweg im Jahre 1901.
Exkurs: In dieser Zeit besuchte beispielsweise Ernst May (* 27.
Juli 1886 in Frankfurt am Main; † 11. September 1970 in Hamburg) die
Klingerschule. Ernst May war ein bekannter deutscher Architekt und Stadtplaner.
Als Siedlungsdezernent der Stadt Frankfurt war er zwischen 1925 und 1930
verantwortlich für die Schaffung wegweisender Siedlungen mit erschwinglichem
Wohnraum. "In der kurzen Zeit von 1925 bis 1930 sind in Frankfurt im Rahmen
eines umfangreichen Siedlungs-Bauprogramms circa 15.000 Wohnungen geschaffen
worden. Das Neue Frankfurt, mit dem der Name des damaligen Stadtbaurats Ernst
May auf das Engste verknüpft ist, steht aber auch für viele Einzelprojekte und
ein umfassendes Konzept zur Gestaltung der städtischen und privaten
Lebenswelt".(Quelle: http://www.ernst-may-museum.de)
In der Krisenzeit 1932 kommt die Klinger-Oberrealschule vom Hermesweg in das von
der Humboldtschule geräumte Gebäude in der Adlerflychtstraße und verbindet sich
mit der im gleichen Hause beheimateten Adlerflychtschule (Deutsche Oberschule)
zu der neuen "Vereinigten Klinger- und Adlerflychtschule". Ihre Leitung
übernimmt der bisherige Direktor der Klinger-Oberrealschule, Oberstudiendirektor
Dr. Hartmann. Ein Jahr später führt sie den Namen Adolf-Hitler-Schule.
1933 - 1937 SS-Gefängnis:
Dieser Zeitabschnitt ist kurz, umfasst aber ein schreckliches, ein finsteres
Kapitel in der Geschichte des Schulgebäudes. Das Haus wird absolut
zweckentfremdet und offiziell von der Stadt an "Behörden" vermietet. In dem
"Alternativen Stadtführer" des DGB ist u.a. auf Seite 27 Folgendes nachzulesen:
"Die ehemalige Schule wurde von der SS zur Kaserne und zum Gefängnis
umfunktioniert. In den Kellerräumen ihrer Unterkunft in der
Klinger-OberreaIschule an der Berger Straße misshandelte SS herbeigeschleppte
Sozialdemokraten und Kommunisten. Häftlinge wurden gefesselt und so lange
verprügelt, bis sie das Bewusstsein verloren. Keiner der dort Eingelieferten
blieb von fürchterlichen Misshandlungen verschont." Auch Mausbach-Bromberger
erwähnt in ihrem Buch "Arbeiterwiderstand in Frankfurt am Main gegen den
Faschismus 1933-1945" auf Seite 43 die Klingerschule als Folterstätte.
An diese Zeit soll eine Gedenktafel am Haupteingang der Klingerschule erinnern:
„Das Vergangene ist
nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ (Christa Wolf)
Dieses Schulhaus war ein Ort nationalsozialistischer Verbrechen.
1933 bis 1937 war dieses Haus eine SS-Kaserne. Menschen aus dem Widerstand
wurden hier gefoltert.
1941 bis 1943 hat man in der Turnhalle dieser Schule den Hausrat von jüdischen
Nachbarn versteigert, die im Holocaust ermordet wurden.
1937 - 1939 Umbau:
In diesen Jahren lassen die städtischen Behörden das Gebäude für die Zwecke der
Handels- und Höheren Handelsschule umbauen und völlig renovieren. Am 1. April
1939 kann es seiner neuen Bestimmung übergeben werden.
1939 - 1944 Handels- und Höhere Handelsschule
1944 - 1953 Trümmergrundstück:
Heftige Luftangriffe auf Frankfurt beschädigen Teile des Gebäudes, bis es im
März 1944 bei einem Großangriff - außer der klassizistischen Fassade zum
Hermesweg - so zerstört wird, dass der Unterricht nicht mehr fortgeführt werden
kann und in andere Schulräume verlegt werden muss.
1953 - 1955 Wiederaufbau:
Am 1. September 1955 bezieht die 1944 ausgebombte Schule wieder ihr neu
aufgebautes Heim.
1955 - heute Klingerschule:
Neben den Schulformen
Handelsschule (Zweijährige Berufsfachschule für Wirtschaft und Verwaltung) und
Höhere Handelsschule (Einjährige Höhere Berufsfachschule für Wirtschaft) werden
heute in der Klingerschule weitere Schulformen angeboten:
Das Berufliche Gymnasium, Schwerpunkt Wirtschaft
die (zweijährige) Höhere Berufsfachschule für das Fremdsprachensekretariat (seit
1992),
die (zweijährige) Höhere Berufsfachschule für kaufmännischen Assistenten für
Bürowirtschaft(seit 1998),
der schulische Teil ("Teilzeit-Berufsschule") innerhalb der dualen Ausbildung
zum Kaufmann/zur Kauffrau für Versicherung und Finanzen (seit 1999),
das Berufsgrundbildungsjahr - Berufsfeld Wirtschaft und Verwaltung (seit 2000)
sowie
einen Bildungsgang zur Berufsvorbereitung (BzB) seit 2006.
Ein Exkurs am Rande:
Am 29.09.2008 berichtet die Frankfurter Rundschau in einem
"Kalenderblatt zur Zeitgeschichte" zweimal über die Klingerschule im Jahr
1968.
Am 24. April 1968 sei es zu einem Tumult bei Diskussionen über das Schulwesen
gekommen. Unter der Überschrift "Wie steht's um unsere Schulen?" habe es im
Volksbildungsheim (heute ist dies ein Kino am Eschenheimer Tor) eine heftige
Auseinandersetzung gegeben. "Vertreter der Unabhängigen Sozialistischen
Schüler-Gemeinschaft (USSG) und der Unabhängigen Schüler-Vertretung (USV)
versuchen, die Versammlung zu stören, provozieren regelrechte Schlachten um die
Saalmikrophone, die geplante Debatte um Schichtunterricht, Gesamtschule,
Lehrermangel oder Begabtenförderung scheint unmöglich. Die Schülervertreter
wenden sich gegen autoritäre Schulstrukturen, kritisieren das
Herrschaftsverhältnis zwischen Lehrern und Schülern, fordern stattdessen
Team-Teaching und mehr Einfluss für die Schülermitverwaltung." Herbert
Stubenrauch, damals Sprecher des Sozialistischen Lehrerbundes, habe
argumentiert, es sei unverständlich, "wie man Sechsjährige zu demokratischem
Verhalten erziehen will, wenn man sie zu 50 und mehr Schülern in einen
Klassenraum zusammenpfercht".
Dem habe Frankfurts Schuldezernent Cordt zugestimmt, er nannte "50 eine
barbarische Zahl". Viele Pädagogen mühten sich aber, vom großen Klassenverband
abzukommen und räumten Schülern auch das Recht auf freie Meinungsäußerung ein,
habe Cordt festgestellt. Die FR fährt in Ihrem Bericht fort: "Die
Demokratisierung von Schule ist ein Wert an sich, sagt ein ehemaliger Lehrer der
Klingerschule, der inzwischen in Bonn arbeitet. Dazu gehörten weniger
autoritätsbetonte Unterrichtsmethoden, die Offenlegung von Noten und Gründen
einer Nichtversetzung und nicht zuletzt Mitsprache der Schüler."
Wenige Tage später, am 13. Juni 1968, so berichtet die Frankfurter Rundschau
unter der Überschrift "Demokratie in der Schule", es sei Ziel des von dem
tödlich verunglückten Schuldezernenten Cordt vorgelegten Schulentwicklungsplan
II, dass Frankfurt ein volldemokratisches Schulsystem erhalte. Die Versammlung
Frankfurter Direktoren verlange eine stärkere individuelle Förderung von
Schülern, damit soziale Chancengleichheit sichergestellt sei. "Tagesheime
könnten das Problem lösen, lautet der Vorschlag. Oder gleich Tagesheimschulen
und anschließende Oberstufengymnasien, wie sie Oberstudiendirektorin Rahmel aus
der Elisabethenschule fordert.
Bisher läuft lediglich an der Klingerschule das Modell eines
Oberstufengymnasiums".
Dem Ziel, durch einen besonderen Schwerpunkt durch das Angebot eines besonderen
Schwerpunktes "Wirtschaft" den jungen Menschen eine individuelle Förderung
zukommen lassen zu können, weiß die Klingerschule sich bis heute verpflichtet.