Von der Vorgeschichte zum Auftrittsverbot

Vorgeschichte und Produktionsverlauf

Während eines London-Aufenthaltes im Frühjahr des Jahres 1978 sah sich Helga Daub, Klassenlehrerin der 4 b unserer Schule, im Victoria Theatre das Musical "ANNIE" an.
Die Musik und die künstlerische Gestaltung beeindruckten sie so sehr, dass sie noch am gleichen Abend Schallplatten und Liedtexte dieses Musicals erwarb.
Nach der Rückkehr in Frankfurt spielte Frau Daub nach einer kurzen Texterklärung ihrer Klasse das Lied "IT'S THE HARD KNOCK LIFE " vor. Sie wollte damit eine höhere Motivation für den Englischunterricht erreichen. Die Kinder waren begeistert und konnten gar nicht genug davon hören. Sie sangen dieses und andere Lieder des Musicals spontan immer wieder mit.
Die Idee, "ANNIE" oder etwas in dieser Richtung mit Schülern der Robert-Blum-Schule aufzuführen, reifte heran.
Der damalige Sportlehrer Torsten Eßl, immer für außergewöhnliche Projekte zu haben, begeisterte das Vorhaben, an der Schule eine Theatergruppe einzurichten, die sich zum Ziel setzte, die bisher von Schülertheatern noch nicht entdeckte Richtung MUSICAL mit all ihren Showelementen auf die Bühne zu bringen.
Aus der Feder von Helga Daub entstand das Stück die "KLEINE LADY", ein Musical mit der Musik von ANNIE, zugeschnitten auf unsere Schüler.
Nach Fertigstellung des Text-Rohentwurfs wurden die "Schauspieler" mit dem Text bekannt gemacht. Frau Daub und Herr Eßl stellten die Grundstory und die handelnden Personen vor und führten in den Ort der Handlung ein. Gemeinsam wurde nun ein Handlungsablauf herausgearbeitet und die Musik ausgewählt. Als nächster Schritt wurde der Text den Schauspielern zur Überarbeitung mitgegeben.
Im September waren die Vorbereitungen, Textkorrektur und Musikzuordnung, abgeschlossen und die Proben konnten beginnen. Viele, der für das Vorhaben gewonnenen jungen "Künstler" waren schon durch das Schulfest 1978 mit Zirkusaufführung und kleineren Sketchen an Theater- und Bühnenarbeit gewöhnt.

Probe 1Probe 2

Knapp drei Monate waren schließlich über 60 Akteure damit beschäftigt, die Kleine Lady termingerecht zur Premiere im Dezember auf die Bühne zu bringen. Neben den ca. 40 Schauspielern (Erst- und Zweitbesetzung) wurden auch Bühnenarbeiter aus den Klassen 6-9 in Auf- und Umbaumassnahmen eingewiesen. Zwei weitere Lehrerinnen kümmerten sich mit engagierten Eltern um das Anfertigen von Kostümen (Ingrid Golberg) und Requisiten (Brunhilde Abicht).

Kulisse1Kulisse 2

Am 19. Dezember war es dann soweit. Premiere auf der Bühne im großen Saal des Bikuz Höchst und anschließend eine richtige Premierenfeier mit viel Prominenz. Alle waren glücklich und stolz darauf, dass wir es geschafft haben als erste Grund- und Hauptschule ein abendfüllendes Musical aufzuführen.

Programm

Das Aus für die "Kleine Lady"

Das Musical war ein Riesenerfolg. Mit insgesamt vier Aufführungen auf verschiedenen Bühnen hatten wir im Dezember 1979 ansich schon alles erreicht, was wir uns erträumt haben. Aber es kam noch besser.
Anfang des Jahres 1980 erhielten wir das Angebot, in der Jahrhunderthalle auftreten zu dürfen. Nachdem wir schnell noch zur Auffrischung eine Aufführung im Bikuz eingeschoben haben, fieberten wir natürlich diesem Ereignis mit Spannung entgegen. Und es wurde der Höhepunkt im Theaterleben unserer jungen Akteure. Sie spielten ihr Musical "Kleine Lady" vor vollbesetztem Haus (über 2000 Zuschauer) auf der großen Bühne der Jahrhunderthalle, auf der am Abend vorher noch Weltstars gastierten. Ein bombastisches Erlebnis für alle.
Nach dieser Aufführung interessierte sich jeder für das kleine Teaterteam der Robert Blum Schule. Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet, BILD-Zeitung und FAZ, Hessischer Rundfunk und ZDF und auch ein Verlag für den Vertrieb dramatischer und musikalischer Bühnenwerke. Der Verlag mit Sitz in Bayern wurde durch einen Fernsehbeitrag in der Hessenschau auf uns aufmerksam und witterte die Verletzung von Urheberrechten am Musical ANNIE.
Mittlerweile hatten wir Angebote für verschiedene Gastspiele bis hin zur Einladung des Zweiten Deutschen Fernsehens im Rahmen eines Sommerfestivals in Miltenberg am Main aufzutreten.
Leider war aber der Auftritt am 26.3.1980 in der Hattersheimer Stadthalle der vorerst Letzte der Theatergruppe. Eine einstweilige Verfügung des Verlags untersagte uns gegen Androhung einer hohen Konventionalstrafe jede weitere Aufführung der "Kleinen Lady". Da half es auch nicht, dass wir von den Verantwortlichen der Londoner Uraufführungsbühne die Einwilligung einholen konnten. Der Verlag bestand auf seiner angemahnten Verletzung der deutschen Verwertungsrechte. Er plante Ende des Jahres 1980 das Musical ANNIE in deutscher Sprache auf eine Bühne zu bringen. Unsere Version war zu nahe am Original.

Am 17. Dezember 1982 kam der Film ANNIE in die deutschen Kinos. Es war das bis zu diesem Zeitpunkt mit 50 Millionen Dollar teuerste Hollywood-Spektakel. Grund genug für die heimische Presse, sich noch einmal an an unsere "Kleine Lady" zu erinnern.


Höchster Kreisblatt vom 12.8.1982