Falsche
Freunde aus dem Internet
Jugendkoordinator der Polizei klärt über Umgang mit neuen Medien auf
Wenn der Junior kaum noch aus seiner Höhle kommt, nicht mehr isst und
schläft und auf Gesprächsversuche aggressiv reagiert, ist es fast schon
zu spät: Gefangen in der bunten Welt der Onlinespiele bedeuten ihm
Familie, Freunde, Hobbys oder gar Schule nichts mehr, das reale Leben
ist grau und armselig, die virtuelle Welt dagegen voller Abenteuer und
Geheimnisse. Internetsucht, Gewaltspiele, Pornographie,
Datenmissbrauch, Online-Mobbing, illegales Herunterladen von Musik und
Filmen vielen Eltern brennen diese Themen unter den Nägeln,
groß ist die Verunsicherung bei vielen, die der sorglosen Hingabe ihrer
Kinder an die rasant fortschreitenden Möglichkeiten der Krake Internet
hilflos gegenüberstehen. Entsprechend groß ist der Informations- und
Aufklärungsbedarf, weshalb die vom Elternbeirat der
Bertha-von-Suttner-Schule Nidderau ins Leben gerufene Elternakademie
unter der Leitung von Sonja Jüngling aufs Neue einen Informationsabend
zum Thema „Umgang mit den neuen Themen“ veranstaltete. Eingeladen waren
ausschließlich Erwachsene, und das aus gutem Grund. Denn was
Polizeioberkommissar Randolph Schwenke, Jugendkoordinator der
Polizeidirektion Main-Kinzig Süd und Referent dieses Abends während
seines Vortrags an die Wand projizierte, war durchaus geeignet, manch
arglose Eltern in der Aula der Suttner-Schule in Angst und Schrecken zu
versetzen. Dies sicher auch wegen der unverstellten Brutalität mancher
Bilder, viel mehr aber noch wegen der Leichtigkeit, mit der jeder
halbwegs gewiefte Internetnutzer auf solche Inhalte zugreifen kann.
Schwenke referierte zunächst ausführlich über die beliebten
Kommunikationsplattformen für Jugendliche im Internet. Die Mitglieder
in „Communitys“ wie dem Schüler-VZ werden immer zahlreicher und immer
jünger, damit einhergehend aber auch immer sorgloser im Umgang mit
ihren eigenen Daten. Besonders pubertierende Mädchen stellten voller
Stolz „sexy“ Fotos ins Internet und kämen gar nicht auf die Idee, dass
Pädophile auf diesen Seiten wildern und auf der Suche nach
leichtgläubigen Opfern fündig werden könnten. Keine Angaben über den
Wohnort machen, keine privaten Details preisgeben, keine freizügigen
Bilder einstellen, denn „was einmal im Netz ist, bleibt drin“, so der
Experte. Um den Gefahren besser zu begegnen, riet Schwenke den Eltern,
sich auf Augenhöhe mit ihren Kindern zu begeben. „Lassen Sie sich
erklären, was Ihre Kinder im Netz so treiben, das ist der beste Schutz
davor, die Kontrolle zu verlieren.“ Sein Rat: Nicht verbieten, sondern
mit den Kindern und Jugendlichen reden und sie für die Gefahren
sensibilisieren. Der nahezu hindernisfreie Zugang zu Internetseiten mit
pornographischen oder Gewalt verherrlichenden Inhalten ist laut
Schwenke eine Ursache für die zunehmende Verrohung in Sprache und
Verhalten vieler Kinder und Jugendlicher. „Das Internet übernimmt
inzwischen originäre Erziehungsaufgaben der Eltern,
Aufklärungsgespräche fallen weg, die natürliche Neugier wird
ungefiltert und unkontrolliert durch fragwürdige Seiten befriedigt“, so
die Erfahrung des Jugendkoordinators. Die Folge: Jugendliche lernten
nicht zu unterscheiden zwischen Sexualität und Pornographie, Themen wie
Liebe und Verantwortung würden zur Nebensache, zwischenmenschliche
Beziehungen reduzierten sich auf die unterschiedlichen Spielarten des
Geschlechtsakts. „Kinder glauben, was sie sehen, Eltern sind in der
Verantwortung, diesen Irrtum aufzuarbeiten“, so Schwenke abschließend
zu diesem Thema. Dass in Zukunft die Probleme eher größer als kleiner
werden, davon ist er überzeugt. Besonders die neuen Möglichkeiten der
dreidimensionalen Bilddarstellung sind seiner Ansicht nach geeignet,
das Suchtpotential der virtuellen Bilderwelt noch zu verstärken. Dabei
seien die Spiele bzw. der Umgang mit ihnen nicht gefährlich, solange
das innerfamiliäre System funktioniere. Dass sich viele Eltern
angesichts der Möglichkeiten des Mediums „Internet“ Sorgen um ihre
Kinder machen, davon zeugten die Zwischenfragen während an Schwenkes
Vortrag. Wie kann man sich gegen Mobbing per Internet wehren? Wie sieht
es mit dem Recht am eigenen Bild, widerrechtlich ins Netz gestellt,
aus? Wie kann man verhindern, dass die Kids verbotene Inhalte im Netz
und auf dem Handy verbreiten? Wie kann man junge „Gamer“ wieder in die
Realität zurückbringen? Und vor allem: Wie funktioniert das alles ohne
ständige Kontrolle? „Vertrauen ist besser als alle Verbote, reden Sie
mit Ihrem Kind über die Inhalte, die es sieht und sehen möchte“, so das
Resümee des Fachmanns.
Susanne Falk, 30. März 2011