Jung,
gedemütigt, verzweifelt
Theaterstück „Amok“ in der Schule
Was spielt sich ab im Kopf eines jugendlichen Amokläufers, kurz bevor
er seinen zerstörerischen Plan in die Tat umsetzt? Was treibt ihn dazu,
andere und schließlich sich selbst auf solch spektakuläre Weise aus dem
Dasein zu katapultieren? Innensichten aus der düsteren Vorstellungswelt
von einem, der sich und die Welt nicht mehr ertragen kann, liefert das
Theaterlabor Darmstadt mit dem Stück „Amok. 20. November“, das im
Rahmen des Kulturschulprogramms der Berta-von-Suttner-Schule in der
Aula zur Aufführung kam und die Jugendlichen der Jahrgänge neun und
zehn zur Auseinandersetzung mit dem brisanten Thema „School-shooting“
brachte. Der Text, den die Schauspielerin Nadja Soukup mit
authentischer Aggressivität in Szene setzte, ist eine Collage aus
Selbstreflexion, gesellschaftlicher Anklage, Rechenschaftsbericht und
Publikumsbeschimpfung; ein Monolog, den der schwedische Dramatiker Lars
Norén aus originalen Texten und Internet-Videobotschaften des
18-jährigen Schülers, der am 20. November 2006 im westfälischen
Emsdetten bei einem Amoklauf in seiner ehemaligen Realschule mehr als
drei Dutzend Menschen teilweise schwer verletzte und sich danach selbst
erschoss, zusammengestellt hat. „Ich weiß, dass ich ein Loser bin“,
fasst der junge Amokläufer seinen Bericht über sein Leben als
Außenseiter, Mobbing in der Schule, überforderte Lehrer, kleine und
große Demütigungen zusammen. Was jahrelang gärte in dem
Heranwachsenden, schließlich überschäumt und sich als kompromissloser
Rachegedanke bündelt, ist auch eine Anklage gegen die Gesellschaft, die
Anpassung verlangt und dem Konsum als alleinigen Lebenszweck huldigt.
Die Düsternis seiner Seele spiegelt sich im Bühnenbild von Sabine
Pfisterer: Ein schwarzer Kasten, nach allen Seiten verhängt, nur ab und
an huschen über die Wände die wirren Botschaften und wütenden Anklagen
gegen die Welt, die Sebastian in die Tastatur seines Laptop hämmert,
verdichten sich zum Protokoll einer angekündigten Katastrophe.
Allgemein gültige Erklärungen liefert das Stück nicht. In der
theaterpädagogischen Vor- und Nachbereitung versuchten die Schülerinnen
und Schüler eine Annäherung und Aufarbeitung dessen, was der nur
teilweise fiktive Sebastian des Theaterstücks ihnen entgegen
schleuderte und alles, was ihnen bisher in ihrem eigenen Leben so
selbstverständlich und wohlgeordnet schien, radikal in Frage gestellt
hat.
S. Falk, 20. Februar 2011