„Kennt
noch jemand ein Gedicht?“
Abschluss des Projekts „Alzpoetry“ in Nidderau
Als Martha Müller ein kleines Mädchen war, waren die schönsten
Schulstunden in ihrer schlesischen Heimat solche, in denen Gedichte auf
dem Stundenplan standen. Viele lernte sie auswendig, am liebsten
solche, in denen eine spannende oder lustige Geschichte erzählt wurde,
und trug sie, wie es früher üblich war, im Unterricht vor. Seitdem ist
fast ein ganzes Leben vergangen und die Erinnerung an die Schulzeit, an
endlose schlesische Sommer, an Krieg und Vertreibung, Heirat und
Neuanfang nicht mehr als ein flüchtiger, gestaltloser Schatten im
Gedächtnis von Martha Müller. Aber wenn jemand das richtige Zauberwort
sagt, dann ist es, als wenn ein Fenster zur Vergangenheit aufgestoßen
würde, ein Schmunzeln stiehlt sich in das Gesicht der fast
Neunzigjährigen, und dann sind sie wieder da, die Strophen und Verse
von früher. „Ich kann ein Gedicht in schlesischer Mundart“, antwortet
sie stolz auf die Eingangsfrage von Lars Ruppel, der gemeinsam mit
Schülerinnen und Schülern der benachbarten Bertha-von-Suttner-Schule
das Projekt „Alzpoetry“ für demenzkranke Menschen im Seniorenwohnheim
der AGO Nidderau durchgeführt hatte und nun noch einmal gekommen war,
um sich mit einer letzten Veranstaltung von allen Beteiligten zu
verabschieden. Fast zwanzig Bewohnerinnen des Altenheims saßen in der
Runde, genossen die mal frechen und flotten Sprüche, mal auch
tiefsinnigen Gedichte des Marburger Poetry-Slammers und lebten
sichtlich auf bei Heine und Fontane, konnten auf das richtige Stichwort
Goethe und Heinz Erhardt auswendig rezitieren. Und Martha Müller trug
nicht nur nahezu fehlerlos ihre langen und lustigen schlesischen
Balladen vor, sondern ergänzte zum Entzücken des Sprachenthusiasten
Ruppel dessen Wortschatz um den mundartlichen Begriff
„Weichquarkwambel“, was ja ein viel schöneres Bild vor dem inneren Auge
heraufbeschwört als der hierzulande gebräuchliche „Bierbauch“. Manch
Selbstgedichtetes wurde an diesem Nachmittag vorgetragen, Frau Walach,
eine weitere Bewohnerin der AGO Nidderau, gab die gereimte
Entstehungsgeschichte der schwäbischen Maultaschen zum Besten, die in
deftig-süddeutscher Lesart „Herrgottsscheißerle“ genannt werden, und
Bellinda Rougeault, eine der beteiligten Schülerinnen des Projekts,
hatte ihre Gedanken über die Unausweichlichkeit des Älterwerdens in ein
kluges Poem gefasst. Klassische Ballade und Volkslied, Kalauer und
Liebeschnulze, Adventsspruch und Mundartgedicht - so verschieden die
Werke auch waren, die an diesem Nachmittag vorgetragen wurden, hatten
sie doch eines gemeinsam: Sie lupften den Mantel des Vergessens, der
die Lebenserinnerungen der Demenzpatienten verhüllt, und schenkten
ihnen einen Nachmittag voll Lebendigkeit und Lachen. „Das ist besser
als jedes Anti-Depressivum“, so die Überzeugung von Betreuerinnen und
Heimleitung im Seniorenwohnheim, wo man das Projekt von Anfang an nach
Kräften unterstützte. Und nicht nur die Patienten profitierten vom
Sprachjogging und dem Kontakt mit den Teenagern, auch die beteiligten
Schülerinnen und Schüler, die mehrere Wochen lang jeden
Montagnachmittag unter der Anleitung von Lars Ruppel an ihren
Gedichtvorträgen feilten, schaffen damit den Brückenschlag zwischen den
Generationen. Idee und Konzept des „Alzpoetry“ stammen von dem
amerikanischen Schriftsteller Gary Glazner, der es seit 2004 in
Seniorentagesstätten der ganzen USA mit großem Erfolg durchführt.
Alzpoetry erreicht Menschen in späten Stadien von Demenz mit Gedichten,
die sie in ihrer Kindheit gelernt haben und ermöglicht damit emotionale
Zugänge, die längst verschüttet schienen. Seit über zwei Jahren ist der
Marburger Slam-Poet Lars Ruppel Projektleiter von Alzpoetry Deutschland
und betreut unter anderem Schulprojekte, bei denen Jugendliche die
Wirkung der Poesie auf Menschen erfahren und durch den Kontakt mit
Betroffenen lernen, die Alzheimer-Krankheit zu verstehen. Ermöglicht
wurde die Nidderauer Kooperation zwischen Gesamtschule und
Altenwohnheim durch die finanzielle Unterstützung durch die Sparda-Bank
Hanau sowie die Hanauer Sparkassenstiftung, das Literaturforum
Frankfurt und die Evangelische Kirche Hessen Waldeck. Eine Neuauflage
des Projektes in dieser Form ist derzeit zwar nicht geplant, so die
pädagogische Leiterin der Suttner-Schule, Anne Schadt, die Lars Ruppel
und „Alzpoetry“ nach Nidderau holte und gemeinsam mit der
Lesebeauftragten Kerstin Petsch die Jugendlichen bei der Durchführung
betreut und begleitet hat; allerdings wird es im Rahmen des
Kulturschulprogramms weitere Kooperationen zwischen Schule und
Altenheim zum Thema „Leseförderung“ geben, damit die zustande
gekommenen Kontakte zwischen den Institutionen nicht wieder einschlafen.
S. Falk, 19. August 2011