Der
Schulweg-Cop
Polizist klärt über richtiges Verhalten beim Bahnfahren auf
Der freche Olli hat noch mal Glück gehabt. Die Begegnung mit den
Untoten Peter, Philipp und Nicole, die nach Leichtsinnsunfällen mit
tragischem Ausgang in der Umgebung der Bahnanlagen herumgeistern und
dort für alle Ewigkeit eine Art jenseitiger Schicksalsgemeinschaft
bilden müssen, erweist sich als Traum mit erzieherischer Wirkung: Olli
wird in Zukunft nicht mehr am Gleiskörper spielen oder vorbeifahrende
Züge mit Steinen bewerfen. „Ollis Chance“ heißt der knapp zehnminütige
Trickfilm der Bahnpolizei, der mit sparsamen Worten, dafür umso
eindringlicheren Bildern und Geräuschen die Mädchen und Jungen des
Jahrgangs 5 der Bertha-von-Suttner-Schule für die Gefahren
sensibilisierte, mit denen sie sich auf ihrem täglichen Schulweg mit
und an der Bahn auseinanderzusetzen haben. Bahnfahren ist völlig
ungefährlich, aber nur, wenn man sich auskennt und richtig verhält, so
lautet die Botschaft, mit der Polizeihauptkommissar Frank Dönges,
Präventionsbeauftragter der Bundespolizei, auf Einladung der
Stufenleitung der Bertha-von-Suttner-Schule durch die Klassenzimmer
zieht und den Kleinsten im täglichen Pendlerstrom warnend und
aufklärend zur Seite steht. Mit seinen Methoden ist er dabei durchaus
nicht zimperlich. Denn nicht nur die drei unglücklichen
Trickfilmfiguren haben reale Vorbilder, auch die Beispiele, mit denen
Frank Dönges den Kindern die direkten und indirekten Gefahren der
Bahnumgebung nahe bringt, stammen aus der selbst erlebten Praxis. Da
ist zum Beispiel der fünfzehnjährige Jonas, der seiner neuen Freundin
imponieren wollte und beim Herumklettern auf Waggons der Oberleitung zu
nahe kam. Jonas lag sechs Wochen im künstlichen Koma, die schrecklichen
Vernarbungen seiner zu siebzig Prozent verschmorten Hautoberfläche
werden ihn sein Leben lang kennzeichnen und haben auch die Freundin
vergrault, der er so gerne zeigen wollte, was für ein toller Kerl er
war. Noch schlimmer traf es die drei Mädchen an der Frankfurter Station
„Sportfeld“, denen der Weg durch die Unterführung zu weit schien und
die deshalb den direkten Weg über die Gleise wählten. Gegen den
Intercity hatten sie keine Chance. Die Sechzehnjährige, die miterlebte,
wie ihre beiden Freundinnen vom Sog des vorbeirasenden Zuges erfasst
und zerfetzt wurden, wird noch lange psychologische Betreuung
benötigen, weiß der Polizeihauptkommissar zu berichten. Auch von 900
Unfalltoten an Bahnhöfen und Gleisen, die die Bundespolizei jedes Jahr
verzeichnet, die meisten davon durch Leichtsinn und falsches Verhalten
verursacht. Und er erzählt von den lebensgefährlichen Spielen und
Mutproben, mit denen sich Schulkinder auf Bahnhöfen die Wartezeit gerne
verkürzen und die Zugreisende besonders in der Umgebung von Schulen
nahezu täglich beobachten können: Herumfläzen auf den Bahnschwellen,
Fußballspielen im Schotterbett, Platzieren von Münzen, Steinen,
Betonbrocken oder auch Metallstangen auf den Gleisen - nur um zu sehen,
ob etwas passiert. Letzteres könne bis zum Entgleisen des Zuges führen,
so Frank Dönges warnend. Gefährdet sei aber auch, wer in seine MP3-Welt
abtauche und taub für die Umgebung nicht mehr in der Lage sei, heran
nahende Züge rechtzeitig wahrzunehmen. Immer mehr Unfälle dieser Art
verzeichnet die Polizei jedes Jahr. Je nach Geschwindigkeit benötigt
eine Lok einen Bremsweg von ein bis zwei Kilometern, rechnet der
Präventionsbeauftragte vor. Kein Lokführer hätte also eine reelle
Chance, seinen Zug rechtzeitig zum Stehen zu bringen, wenn er spielende
Kinder im Gleisbett oder träumende Spaziergänger auf dem Bahnübergang
entdecke. Was die mit Aufklärung und Information voll gepackte
Schulstunde den Fünftklässlern der Bertha-von-Suttner-Schule an
Erkenntnis gebracht hat, fasste ein Schüler am Ende in schlichter
Klarheit überzeugend zusammen: „Wenn man einmal Scheiße baut, kann man
sich das ganze Leben versauen.“ Zu ergänzen blieb dem
Polizeihauptkommissar da nur noch ein trockenes: „…oder sogar beenden.“
S. Falk, 28.08.2011