Lesen
ist gar nicht so doof
Suttner-Schule ehrt Sieger im Vorlesewettbewerb
Auf der ständig länger werdenden List bedrohter Arten halten sich zwei
besondere Spezies schon seit einigen Jahren besonders hartnäckig, trotz
aller Bemühungen, den Bestand zu sichern: Die Bücherwürmer und
Leseratten. Besonders sensibel scheinen die jungen männlichen Vertreter
dieser Spezies zu sein, päppelt man sie doch schon seit einigen Jahren
mit leichter Schonkost aus sparsam betexteten Comicreihen wie z. B.
„Gregs Tagebuch“, damit sie sich nicht auch noch, verschreckt von allzu
viel Buchstaben, in das verlockende Bildernirwana der
computeranimierten Parallelwelt zurückziehen. Robuster zeigen sich
hingegen die Mädchen: Sind sie erstmal der süßen Droge „Lesen“ erlegen,
schrecken die echten Junkies unter ihnen auch nicht vor dem Griff in
die Regale ihrer Eltern oder sogar Großeltern zurück, verschlingen
bleischwere Südstaatenabenteuer aus dem vorletzten Jahrhundert wie
„Huckleberry Finn“ oder im heutigen Vergleich eher harmlos
daherkommende Jugenderzählungen wie Enid Blytons „Die Arnoldskinder auf
Geisterjagd“. Mit diesen Titeln belegten beim diesjährigen
Lesewettbewerb der sechsten Klassen an der Bertha-von-Suttner-Schule
Elina Schaller (6f) und Nadine Anderson (6b) den ersten und dritten
Platz und offenbarten damit, dass spannende Literatur zeitlos ist,
trotz der Flutwelle liebeskranker Vampire und unerschrockener
Drachenreiter, die in den vergangenen Jahren in die
Jugendbuchabteilungen schwappte. Die beiden Jungen unter den insgesamt
neun Klassensiegerinnen und –Siegern hatten sich verschiedene Bände der
Reihe „Gregs Tagebuch“ vorgenommen und damit gepunktet, Elias Franz aus
der 6d es mit seiner lebendigen und akzentuierten Vortragsweise sogar
auf den zweiten Platz geschafft. Der Vorlesewettbewerb wird seit 1959
jedes Jahr vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit
mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und sonstigen kulturellen
Einrichtungen veranstaltet. Er steht unter der Schirmherrschaft des
Bundespräsidenten und zählt zu den größten bundesweiten
Schülerwettbewerben. Fast 700.000 Schülerinnen und Schüler des 6.
Jahrgangs beteiligen sich jedes Jahr. Auch an der
Bertha-von-Suttner-Schule ist die alljährliche Teilnahme fest im
Schulprogramm verankert. Nach wochenlangem Training, in der das
flüssige und atmosphärische Vorlesen der spannendsten und witzigsten
Passagen der Lieblingsbücher geübt wurde, ermittelte eine Jury unter
der Regie von Kerstin Petsch, der Lesebeauftragen der Schule, aus den
Klassenbesten die drei Schulsieger. Bei der Preisverleihung, von der
Bläserklasse des 6. Jahrgangs mit schmissigen Rhythmen umrahmt,
zitierte Stufenleiter Joachim Kenner aus Schüleraufsätzen, die sich mit
dem Thema „Lesen“ befassten. „Lesen ist doch gar nicht so doof, wie ich
dachte“, ist darin die Erkenntnis einer Zwölfjährigen, nachdem ihre
Freundin sie zum Schmökern in alten Bravo-Zeitschriften verführt hat.
Für die Erstplatzierte Elina Schaller war Lesen noch nie doof, gehört
sie doch zu denen, die alles Gedruckte verschlingen, was ihnen vor die
Augen kommt und damit ihre Weltsicht unaufhörlich erweitern. Der Lohn
für Elinas hervorragende Leseleistung im diesjährigen Wettbewerb: Kai
Meyers spannende „Wolkenvolk“-Trilogie, die ihre Leser in eine
phantastische Welt voll Mythen und Märchen entführt. Buchgeschenke und
Urkunden gab es auch für alle anderen Klassensiegerinnen und –Sieger,
dazu jede Menge Beifall von den anwesenden Mädchen und Jungen der
fünften und sechsten Klassen, die der Siegerehrung beiwohnten und bei
denen die Erstplatzierte mit einer hinreißend vorgetragenen Kostprobe
aus Mark Twains „Huckleberry Finn“ Appetit aufs Weiterlesen weckte.
S. Falk, im Februar 2012