Lesenacht
Von Irrlichtern, Zauberformeln und Vampirjägern
Dunkelheit und dichtes
Schneetreiben,
lodernde Fackeln und geheimnisvolle Geschichten in alten Gemäuern –
stimmiger hätte die Kulisse des Leseabenteuers kaum ausfallen können,
das die Sechstklässler der Bertha-von-Suttner-Schule bei einem
abendlichen Ausflug in die Altstadt von Windecken erlebten. Auf ihrem
Weg, das Gruseln zu lernen, ließen sie sich zunächst von Heinrich
Quillmann im Heimatmuseum einstimmen, der ihnen die alte Volkssage von
der geheimnisvollen Marköbeler Leuchte vorlas. Ob es sich bei dem
seltsamen Irrlicht, das vor vielen hundert Jahren in den Dörfern
entlang der Hohen Straße die Menschen in Angst und Schrecken versetzte,
um Gespensterspuk handelte oder nicht, blieb auch an diesem Abend
ungeklärt. Immerhin erfuhren die Kinder, dass manche Pilze oder auch
vermoderndes Holz, in früheren Zeiten in den sumpfigen Niederungen um
Nidderau reichlich vorhanden, in der Dunkelheit gespenstisch zu
leuchten vermögen. Um alten Volksglauben ging es auch in der nächsten
Station, der Windecker Stadtbibliothek: Hier weihte Helmut Brück die
Mädchen und Jungen in die Geheimnisse der vor zweitausend Jahren in
Pompeji gefundenen und wahrscheinlich noch älteren Sator-Formel ein,
eines Buchstabenrätsels mit möglicherweise magischen Eigenschaften. In
der richtigen Weise angewandt, sollen die lateinischen Zauberworte
Krankheiten ebenso abwehren wie Feuersbrünste und überhaupt allerlei
Unheil, mit dem sich die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten
abzuplagen hatte. Mit diesem Wissen gut gerüstet, zogen die Kinder zum
Schlosskeller, wo schon die blutrünstige Gräfin auf sie wartete. Auf
rotsamtenem Sofa, nur von flackerndem Kerzenschein erhellt und umrahmt
von seinen verblichenen Vorfahren, empfing Alexander Scheid alias Graf
Dracula die Schülerinnen und Schüler, um ihnen aus den Erinnerungen
seiner Tante, die sich an frischem Jungfrauenblut zu laben pflegte,
vorzulesen. Ob der Vampirjäger, der das grausige Geschehen heimlich
beobachtete, mit dem Leben davonkommt, muss jeder selber nachlesen –
wenn er sich denn traut. Zurück in ihren Klassenräumen, beendeten die
Mädchen und Jungen den Abend mit ihren eigenen Geschichten; bei Waffeln
oder Pizza lasen sie ihre Textproduktionen vor und stellten unter
Beweis, dass sie das Gruselhandwerk durchaus schon beherrschen.
S. Falk. November 2010