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Von Testosteronbombern und Östrogenzicken
Erziehungsprofi Rogge zu Gast in Nidderau

Für Eltern, die häufig hilf- und ratlos den Irrungen und Wirrungen ihres pubertierenden Nachwuchses gegenüberstehen, gab es bei einer Vortragsveranstaltung in der Bertha-von-Suttner-Schule Trost und so manches Aha-Erlebnis. Auf Einladung der vom Schulelternbeirat ins Leben gerufenen Elternakademie gewährte der renommierte Erziehungswissenschaftler, Kommunikationstrainer und Buchautor Jan-Uwe Rogge eineinhalb Stunden lang launige bis ernste Einblicke in seine in vielen Beraterjahren gereiften Erkenntnisse über den Umgang mit den seelischen Nöten Heranwachsender. Wer allerdings auf wohlfeile Erziehungstipps und praktische Gebrauchsanweisungen vom Profi hoffte, wurde enttäuscht. Stattdessen gab es kleine Geschichten und Beispiele aus der Praxis, in denen sich die anwesenden Eltern, durch pointierte Überspitzung mehr oder weniger verzerrt, wie in einem Spiegel wieder erkennen mussten. Gleich zu Beginn machte Rogge dem Publikum klar, wo die Frontlinien des innerfamiliären Kleinkriegs verlaufen: „Pubertierende finden Eltern ätzend, die zu einem Vortragsabend zum Thema ‚Pubertät’ gehen und auch noch ankündigen: ‚Wir gehen wegen dir dahin’.“ Mütter, die „Erziehung mit Yoga verwechseln und dann von ihren Kindern geerdet werden“ bekamen ebenso ihr Fett weg wie Väter, die sich als „Kumpeltyp“ den Jugendlichen anbiederten, als „Wischi-Waschi-Typ“ nicht in der Lage seien, Grenzen zu setzen oder als „Generäle“ mit ihrer „last-minute-Erziehung“ familiäre Katastrophen produzierten. Pubertierende wollten auch einmal ein ‚Nein’ hören, sie bräuchten Wurzeln, erwachsene Persönlichkeiten, verlässliche Autoritäten und vor allem „Mütter, die bereit sind, älter zu werden und nicht im pädagogischen Konjunktiv reden: Du könntest, wenn du wolltest“; so brachte der Pädagoge die Elternrolle in der Familienhierarchie auf den Punkt. Ursache für Probleme in Schule und Familie während der Umgestaltung eines kindlichen in einen erwachsenen Körper sei die „Chemiefabrik im Kopf“, warb Rogge um Verständnis für das Verhalten der Heranwachsenden. „Man kann es Pubertierenden im Unterricht nicht recht machen. Testosteronbomber und Östrogenzicken haben für alles einen Sinn, nur nicht für die Schule“, tröstete Rogge die anwesende Elternschaft über die jahrgangsbreiten Leistungsknicks. Alle Fächer außer Sport, Musik, Kunst und Religion könne man in diesem Alter vergessen. Unversehens ernste Töne schlug der Referent in diesem Zusammenhang an: Dass Jugendliche eher körperbezogen als intellektuell orientiert seien, generiere derzeit gerade in Ländern, in denen man abstrakte Hochleistungen fordere, ein wachsendes Problem: Da die Erziehung immer mehr „entkörperlicht“ sei, nähmen Jugendliche ihre körperlichen Grenzen zunehmend weniger wahr. Psychosomatische Erkrankungen, Essstörungen, Selbstverletzungen wie „Ritzen“ und auch das berüchtigte Kampftrinken und Komasaufen seien die alarmierenden Begleiterscheinungen einer kopflastigen Schulbildung. „Hänschen klein, geht allein…Er geht, er wird nicht gefahren. Lasst eure Kinder mal gehen, lasst sie los, eigene Erfahrungen machen, Grenzen übersteigen. Sie übernehmen auch Verantwortung, wenn man sie lässt“, appellierte Rogge. Erziehung in der Pubertät sei immer wirkungsunsicher, das Ergebnis könne man nie voraussehen. Die rund zweihundert anwesenden Gäste in der Aula der Bertha-von-Suttner-Schule, durch die Lacher und Seufzer an den richtigen Stellen des Vortrags mehrheitlich als leidgeprüfte Teenagereltern geoutet, gerieten merkbar ins Nachdenken, als zum Abschluss des Vortrags Jan-Uwe Rogge mit dem Bibelbeispiel vom verlorenen Sohn die Quintessenz seiner Ausführungen servierte: Wichtig sei, sein Kind auch dann anzunehmen, wenn es sich ganz unten im Wellental des Lebens befinde, ihm besonders dann das Gefühl zu geben, dass es bedingungslos gemocht wird und sich des Hafens sicher sei, in den es jederzeit einlaufen könne.

S. Falk, 19. September 2010