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Der Worte wahnwitziger Wirrwarr
Poetry-Slammer in der Suttner-Schule

Gedichte finden sie ätzend. Nur weil ihre Deutschlehrer sie dazu verpflichtet, ja geradezu gezwungen haben und der planmäßige Unterricht ausfällt in diesen zwei Stunden, sitzen die meisten der rund zweihundertfünfzig Neunt- und Zehntklässler in der Aula, wo sie sich einen Dichtervortrag anhören sollen. Grundsätzlich hätten sie alle sowieso etwas Besseres zu tun als zu lernen, z. B. Playstation spielen, sagt der junge Mann mit der altmodischen Brille und der lustigen Frisur vorne auf der Bühne und schlägt konspirativ eine Revolution mit dem Ziel der Abschaffung von Schule vor. Das soll ein Dichter sein? Jedenfalls ist ihm die Aufmerksamkeit schon in den ersten Minuten sicher, auch wenn er sogleich die Revolution auf morgen verschiebt und sein Publikum in einer Weise zutextet, die schon kurze Zeit später jeden vergessen lässt, dass er eigentlich keine Gedichte mag. Lars Ruppel heißt der Wortzauberer, ebenso wie sein Mitstreiter Sebastian23 eine feste Größe in der deutschen Slammer-Szene, der im Rahmen des Kulturschulprogramms der Bertha-von-Suttner-Schule den Jahrgängen 9 und 10 die hohe Kunst des Poetry Slams vorführte. Wahre Wortgewitter entfesselten die beiden Sprachakrobaten, umspannen ihr Publikum mit einem raffinierten Netzwerk aus Anlaut-, Auslaut und Binnenreimen, ließen die Grammatik Purzelbäume schlagen, wechselten vom lyrischen Expressionismus in seichte Blödeleien und zurück, jonglierten metapherntriefende Verse und flochten zum Entzücken der Jugendlichen auch mitunter mal böse F-Wörter in schimmernde Satzgirlanden. Fasziniert, verblüfft und überwiegend begeistert sperrten die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer die Ohren auf, wurde auf der Bühne doch meist schneller geredet, als man zuhören konnte. Die noch vergleichsweise junge Kunst des Poetry Slam, bei dem das Publikum als Jury die vorgetragenen Texte bewertet und unter allen Vortragskünstlern den Sieger ermittelt, ist dem Nischendasein längst entwachsen und findet ständig mehr Freunde. Mitmachen kann jeder, es gelten allein das gesprochene Wort und die Vortragsqualität. Auch auf der Frankfurter Buchmesse findet am 8. Oktober wieder ein Poetry Slam statt, und im November treffen sich die besten deutschsprachigen Slammer im Ruhrgebiet zu den 14. Deutschen Meisterschaften im freien Dichterwettstreit.

S. Falk, 19. 09.10